Das Prinzip Elektromobilität

Bei meinen Recherchen im Netz zum Thema Elektromobilität bin ich einmal mehr auf einen bedauerlichen Fall von grobem Unverständnis über das Prinzip E-Mobilität gestoßen. Der Automobil-Experte Dr. Helmut Becker, seineszeichens ehemaliger Volkswirt bei BMW und jetziger Kolumnist zum Thema Automarkt beim Nachrichtensender n-tv, hat in diesem – zugegebenermaßen schon ein Jahr alten – Artikel deutlich bewiesen, dass er nicht im Stande ist, von alten Denkschematas abzuweichen. Ganz davon abgesehen, dass er das Prinzip Elektroauto nicht verstanden zu haben scheint oder es zum Erhalt der alten vertrauten Welt nicht verstehen will.

Dass für die breite Masse das Thema Reichweite weiterhin einer der Haupthinderungsgründe ist, sich auf die Anschaffung eines elektrisch angetriebenen Fahrzeugs einzulassen, ist irgendwo verständlich. Die vorhandene Ladeinfrastruktur lädt noch nicht gerade dazu ein, sich mit dem Thema intensiver freiwillig zu beschäftigen. Das kommt aber noch. Von einem Automobilexperten sollte man aber doch deutlich mehr Weitsicht und geistige Flexibilität erwarten können, als Herr Becker in seinem sehr subjektiv verfassten Artikel präsentiert.

Er philosophiert über Anschaffungspreise, die nur gut betuchte Mitbürger stemmen können, über heimische Lademöglichkeiten, die es in seiner Welt nur in Einzelfällen zu geben scheint und über die Batterieproblematik. In der Tat haben wir im Bereich der Stromspeicher ein Problem, wenn alle 45 Millionen PKW in Deutschland elektrifiziert und in der Reichweite ihren Verbrenner-Ahnen gleichgestellt sind. Doch Letzteres ist doch gar nicht notwendig.

In einer vernünftig ausgebauten e-mobilen Zukunft wird ein Fahrzeug nicht mehr als 300-500 km Reichweite benötigen. Eben diese Reichweite, die die in 2017 vorhandenen Modelle Tesla MS und MX, Opel Ampera-e, Hyundai Ioniq, Nissan Leaf und Renault Zoe schon anbieten. Und in einer vernünftig ausgebauten e-mobilen Zukunft wird der Mensch weniger Zeit mit dem Aufladen seines Fahrzeugs verbringen, als mit dem Betanken eines Verbrenners.

Glauben Sie nicht? Ist aber so. Das E-Auto lädt, wenn es steht. Am Supermarkt, am Schwimmbad, am Fitnessstudio und idealerweise auch auf dem Büroparkplatz und zuhause. Wenn das E-Auto losfährt, ist es in einer vernünftig ausgebauten e-mobilen Zukunft immer vollgeladen. Der Mensch hat, wo er geht und steht, beim Losfahren immer 300-500 km Reichweite. Reichweite ist dann kein Thema mehr, denn dieses entspringt einer Zeit, als das Auftanken immer ein autarker Prozess war. Das Aufladen dagegen ist ein in das tägliche Leben integrierter Prozess.

Aber benötigt das Gros der Menschen überhaupt so viel Akkukapazität? Statistiken zeigen, dass 86 Prozent aller deutschen Pendler täglich unter 50 km Arbeitsweg haben. Wofür dann 500 km Reichweite? Für den Erstwagen, der für den Familienurlaub und für den Außendienst genutzt wird, ist das noch nachvollziehbar. Hier sollte der eigenen Sicherheit und der der anderen Verkehrsteilnehmer zuliebe aber nach 500 km Autobahn eh eine mindestens halbstündige Pause eingelegt werden. Aber alle Zweitwagen in deutschen Haushalten benötigen doch eine maximale Winterreichweite von 100-150 km.

Am Anfang war ich mit meinen 100-150 km Reichweite auch aufgeregt. Klappt das immer, finde ich immer eine Lademöglichkeit, bleibe ich irgendwann unweigerlich liegen? Nein, das tue ich nicht. Denn ein Auto mit einer Reichweite, die nur ein Viertel derer meines ehemaligen Verbrenners beträgt, reicht vollkommen aus. Ich lade schon heute zuhause, beim Einkaufen und beim Sport. Einzig bei meinem Arbeitgeber habe ich noch keine Möglichkeit zum Laden, daher steige ich einzig nach der Arbeit noch in ein nicht vollgeladenes Auto ein.

In meinem Fahrprofil zwingt mich der relativ kleine Akku meines Zoe nur auf langen Autobahnfahrten zu Ladestops, bei denen ich nicht unbedingt zwingend etwas anderes erledigen kann. Die ganzen Kleinwagen, die in Deutschland als Zweitwagen gehalten werden, brauchen das aber doch nicht. Ich zumindest sehe diese nur selten auf den Schnellstraßen.

Entgegen den Ausführungen des Herrn Becker bin ich der Meinung, dass man die Entwicklung der E-Mobilität nicht einzig den Gesetzen der freien Marktwirtschaft überlassen kann. Eine umweltverträgliche E-Mobiltät der Zukunft muss auch politisch beeinflusst werden. Und hier sollte das Hauptaugenmerk schon aus Gründen des Umweltschutzes nicht nur auf die Batterieentwicklung gerichtet werden, sondern auch auf den wesentlich ressourcenschonenderen Ausbau der Ladeinfrastruktur. Denn der Strom ist schon flächendeckend vorhanden, an jeder Straßenlaterne. Je dichter das Ladenetz ausgebaut wird, desto unwichtiger wird das Thema Reichweite und Akkukapazität.

Ein Gedanke zu „Das Prinzip Elektromobilität“

  1. Bei dem verlinkten Artikel von Herrn Becker weiß man wirklich nicht ob man lachen, weinen, oder die Handfläche mit voller Kraft gegen die Stirn schlagen soll.
    Der wichtigste Teil des Artikels steht aber tatsächlich noch oberhalb der Überschrift, gemeint ist das Datum. Die Entwicklung in der Elektromobilität schreitet so schnell voran, dass die Meinungen und der Artikel von Herrn Becker obsolet sind.
    Zum gleichen Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels konnte Tesla 400.000 Vorbestellungen für das -wahrlich nicht günstige- Model 3 verzeichnen. Ein nie zuvor da gewesener Ansturm auf ein Auto und ein Weckruf, der die ganze Branche verändern sollte. Die Volkswagen AG entwickelt den modularen Elektrifizierungsbaukasten und damit ernsthafte Absichten, ein kostengünstiges Elektroauto anzubieten. Mercedes kündigt ein elektrisches Kompakt-SUV für 2019 an. Audi ein elektrisches SUV für 2018. Nissan eine komplette Neuauflage seines Leafs, gefälligeres Design und mit deutlich mehr Reichweite für das Jahr 2018. Hyundai hat vor einigen Monaten den Ioniq electric auf den Markt gebracht und investiert nun aufgrund der unerwartet hohen Nachfrage in eine eigene Elektroautoplattform.
    Die Neuzulassungen an Elektroautos in diesem Jahr in Deutschland waren in jedem Monat etwa doppelt so hoch wie im Vorjahresmonat.

    Diese Entwicklung zeigt meiner Meinung nach 2 Dinge:
    Sie straft die Kritiker wie Herrn Becker Lügen. Dabei bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht verbittert in ihre eigene Welt zurückziehen, sondern diese Entwicklung nach dem Prinzip “Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern” annehmen und mit dem gleichen Elan vorantreiben wie sie alte Antriebstechnologien verteidigen.
    Zum Anderen zeigt es, dass der Siegeszug des Elektroautos unausweichlich ist – auch ohne umfassende politische Unterstützung.
    Natürlich wäre es sinnvoll diese Entwicklung auch politisch und regulatorisch stärker zu unterstützen und es ist unglaublich schade, dass die Bundesregierung hier wirklich wenig tut. Die lächerliche Umweltprämie von 2000€ dient nur dazu, behaupten zu können, man hätte es versucht.
    Am Beispiel Tesla zeigt sich, dass die freie Marktwirtschaft durchaus in der Lage ist, diese Entwicklung zu stemmen. Bei Kosten von mindestens 35.000$ pro Auto vor Steuern, bedeuten 400.000 Vorbestellungen einen Umsatz von 14 Milliarden $.
    Und es wird seinen Grund haben, dass Tesla die Zahl der Vorbestellungen seit einem Jahr nicht mehr aktualisiert hat. Man möchte den Wettbewerb nicht noch mehr aufwecken. Dabei sollte schon jetzt jedem großen Autobauer zumindest ansatzweise klar sein, wieviel Geld in der Elektromobilität liegt.

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