E-Mobilität – Glauben Sie bitte nicht alles

Der Dieselskandal ist eines der beherrschenden Medienthemen dieses Sommers. Und im feinstaubbelasteten Windschatten des Selbstzünders rückt auch die Elektro-Mobilität ins Visier der Öffentlichkeit. Leider aber nicht immer – oder vielmehr nur sehr selten – als zukunftsweisende, umweltfreundliche Alternative zum Verbrennungsmotor.

Dabei wird allerdings meist nur mit alternativen Fakten oder schiefen Vergleichen argumentiert. Gerade die Berichte in den großen Medien strotzen teils von Fehlern und werden von hunderten Bürgermeinungen unterstrichen, die in dasselbe Horn blasen.

Fakt ist, dass das E-Auto zwar schon vielerlei Bereiche der Mobilität abdecken kann, jedoch halt noch nicht ohne ein gewisses Umdenken. Und für Langstrecken-Vielfahrer lohnt der Umstieg überhaupt noch nicht. Doch all die Zweitwagen, die meist nur im zweistelligen Kilometerbereich täglich bewegt werden und abends in der Nähe einer Steckdose übernachten, können heute schon bequem durch ein gebrauchtes E-Auto für um die 10000 Euro ersetzt werden. Ebenso die Erstwagen, die nicht regelmäßig auf Langstrecke gehen müssen. 250-300 km Reichweite bei einer kompletten Aufladung in einer halben Stunde sind der Standard der neuen Generation E-Autos.

An dieser Stelle möchte ich also aus gegebenem Anlass einmal mehr auf diese vermeintlichen Argumente gegen die E-Mobilität eingehen.

  • Es ist gar nicht genug Strom vorhanden, um alle Autos zu elektrifizieren. -> Die komplette Umstellung hin zum E-Auto ist ein langwieriger Prozess, sicher noch bis 2050. Der Strommehrbedarf liegt bei 25 Prozent des heutigen Gesamtverbrauchs in Deutschland. (750 Mrd. km X 0,2 kWh/km = 150 tWh – Gesamtverbrauch Deutschland 2016 ca. 600 tWh). Ein Viertel des dann benötigten Stroms wird heute schon regenerativ erzeugt. Die Verbreitung von E-Autos und regenerativer Energie müssen parallel vorangetrieben werden.
  • Allein die Herstellung eines E-Autos erzeugt heute schon so viel CO2 wie 150000 km Fahrt mit einem Euro 6-Diesel. -> Ein schräger Vergleich. Denn auch der Diesel muss ja erstmal produziert werden. Das Hauptptoblem des Diesels ist nicht der CO2-Ausstoß sondern der der gefährlichen Stickoxyde (NOX). Mit dem Einsatz von regenerativem Strom hingegen hat das E-Auto die Option, klimaneutral erzeugt und gefahren zu werden. Diese Option besitzt der Verbrennungsmotor in keinem Fall.
  • Das RIP-Problem (Reichweite, Infrastruktur, Preis) macht E-Autos unwirtschaftlich. -> In jedem Fall muss man heute noch prüfen, ob ein E-Auto ins Fahrprofil passt.  Der Preis wird mit der Massenproduktion sinken, die Infrastruktur wächst. Täglich werden neue Säulen aufgebaut. Das Ziel muss ein Netz von ausreichenden Schnellladern an den Autobahnen und eine flächendeckende Verbreitung von langsameren und kostengünstigeren Wechselstromladern an allen Orten des täglichen Lebens sein (Arbeitgeber, Supermärkte, Freizeitangebote). Diese Verteilung sorgt dann auch für eine ausgeglichene Lastverteilung im Stromnetz. Die aktuelle Generation E-Auto hat Reichweiten zwischen 250 und 500 km und laden 250 km in einer halben Stunde nach. Dies entspricht dem offiziell empfohlenen Fahrverhalten von 15-30-minütigen Pausen alle 3 Stunden auf Langstrecken.
  • E-Autos sind Sondermüll auf Rädern. -> Für den Ausbau der regenerativen Energien benötigen wir Stromspeicher. Einen Teil der Speicherung können aussortierte Autoakkus im sogenannten Second Life übernehmen. Wenn ein solcher Akku “nur noch” 50 kWh hat, reicht das vielleicht nicht mehr für 1000 km Reichweite. Aber man kann einen durchschnittlichen Haushalt damit im Winter 4-5 Tage lang mit Strom versorgen. Ist der Akku dann nach geschätzt 20 Jahren erschöpft, kann er zu 99 Prozent recycelt werden. Heutige Hersteller geben bis zu 200000 km und 8 Jahre Garantie auf eine Akkukapazität von 75 Prozent. Außerdem sind die Effizienzsprünge der Stromspeicher von Generation zu Generation gewaltig. Der Materielle Aufwand für eine kWh wird von Jahr zu Jahr geringer.
  • Wasserstoff ist das Antriebsmittel der Zukunft, die Infrastruktur mit den Tankstellen ist schon gegeben. -> Die Entwicklung der Mobilität wird sicherlich verschiedene Antriebssysteme hervorbringen. Allerdings sollte man bedenken, dass die Produktion von Wasserstoff allein schon sehr Energieintensiv ist. Die Tankstellen müssen erst noch umgebaut werden, da der Wasserstoff unter Hochdruck gelagert werden muss. Fahrzeuge mit Brennstoffzelle sind heute noch weit teurer als E-Autos. Ich persönlich kann mir diese Technik sehr gut beim Schwerlastverkehr wie Luftfahrt, Schifffahrt und für LKW und Busse vorstellen.
  • In der ZDF-Sendung heute + forderte ein Umweltexperte das kabellose Laden per Induktion. -> Sicherlich genauso wie der Wechselakku eine Option für die Zukunft. Aber was soll ich mit der Aussage anfangen: “Mit Kabel will ich nicht laden”???

Dann lese ich immer wieder Artikel von Journalisten, die mit E-Autos erstmals experimentell auf große Reise, irgendwo stranden und dann feststellen, dass E-Autos nichts taugen. Nein richtig, man muss sich heute noch ein wenig vorbereiten wenn man auf Langstrecke geht.  Aber zum einen geht auch das und zum anderen gibt es genug andere Einsatzzwecke z.B. im urbanen Bereich, die das E-Auto schon heute in millionenfacher Zahl übernehmen könnte. Das testet aber niemand.

In einem anderen Artikel heißt es, dass man mit einem E-Auto nicht auf Weltreise gehen kann, mit einem Verbrennungs-Kleinwagen aber schon. Ja schön, aber wer bitte macht das? Und warum muss sich das E-Auto daran messen? Jeder möge das bitte für sich selbst einschätzen.

Solange das E-Auto nicht komplett umweltneutral ist, scheint es keine Alternative zum Verbrennungsmotor zu sein. Weitere Vorteile wie die Vermeidung von lokalen Emissionen, die Verringerung der Geräuschkulisse – beides wichtige Gesundheitsmaßnahmen für die Großstädte – werden nicht erwähnt. In einer der nächsten Generationen können E-Autos auch als Stromspeicher für das Eigenheim dienen, wenn diese auch Strom abgeben können. In einem intelligenten Netz sind E-Autos ein unverzichtbarer Bestandteil. Von Fahren ohne Schalten, ohne Ruckeln, mit einer beeindruckenden Beschleunigung auch bei zweistelligen PS-Zahlen und einfach nur dem Spaß und guten Gefühl, ein E-Auto zu fahren, ganz zu schweigen.

3 Gedanken zu „E-Mobilität – Glauben Sie bitte nicht alles“

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