Wir machen unsere eigene Energiewende – Die Tankstelle auf dem Dach

“Alle sagen: Das geht nicht. Dann kam einer, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht.” An diesen Satz muss ich immer denken, wenn ich Berichte über die Unpraktikabilität der Energiewende höre. Wir wollen uns diesen Satz nun zum Konzept machen. Wir starten unsere eigene Energiewende.

Der Klimawandel ist nicht mehr zu stoppen. Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem wir ihn nur noch einbremsen können. Die Verantwortung hierfür liegt eigentlich in politischen Händen. Aber wie das oft so ist, ist die Erkenntnis alleine noch kein ausreichender Antriebsmotor, etwas wirklich konsequent zu verändern. Zu viele Einflüsse bremsen eine zentral gesteuerte Energiewende in Deutschland aus.

Aber eigentlich ist es eh viel sinnvoller, die Erzeugung von Ökostrom dezentral zu betreiben. Denn Sonne und Wind sind in den meisten Teilen der Welt im Überfluss verfügbar. Und ist es nicht bezeichnend, dass in einem der wenigen Länder dieser Erde, in dem das nicht so ist, der Umstieg auf 100 prozentige regenerative Energieerzeugung schon vollzogen ist?! Norwegen versorgt nicht nur sich selbst komplett mit Ökostrom hauptsächlich aus Wasserkraft, sondern exportiert diesen auch noch.

Da sollte es doch in Deutschland mit seinem windigen Norden und seinem sonnigen und bergigen Süden auch möglich sein, die derzeit jährlich benötigten rund 650 tWh zu erzeugen. Und wer jetzt sagt, dass Deutschland angesichts des stetigen Wachstums in Asien ja nur einen Tropfen auf den heißen Stein werfen kann, dem möchte ich mit den Worten von Klimaforscher Prof. Mojib Latif antworten: Die alten Industrienationen sind verantwortlich für den Status Quo. Und nur, wenn diese mit gutem Beispiel vorangehen, kann man auch die “Neulinge” dazu motivieren, es anders zu machen. Darin liegt unsere Verantwortung.

Man stelle sich vor, Afrika würde nun auch unseren Lebensstandard anstreben. Das Recht dazu haben alle Menschen auf diesem Planeten. Dann ist es aber ganz schnell um die mickrigen fossilen Energiereserven auf unserem Planeten geschehen. Es ist also unumgänglich, einen alternativen Weg der Energieerzeugung einzuschlagen.

Wir wollen nun wissen, ob das mit der dezentralen Versorgung klappt und starten unsere eigene Bürgerenergiewende. Der Renault Zoe war der erste Schritt in die neue Richtung. Rund zwei Jahre sind wir nun schon elektrisch unterwegs und das ohne größere Probleme und mit noch weniger Emissionen. Denn zuhause tanken wir 100 Prozent Ökostrom aus dem Netz. Der nächste Schritt soll nun sein, diesen Strom auch selbst zu erzeugen.

Lange haben wir uns schon mit dem Gedanken Energieerzeugung befasst. Die Dachfläche unseres Atriumbungalows ist in alle drei Sonnenrichtungen ausgerichtet und bietet 150 m² Fläche, die seit 35 Jahren ungenutzt in den Himmel schaut, wie es die meisten Dächer in Deutschland tun. Brachfläche ohne Ende für Sonnenkraftwerke in Form von Photovoltaik. Was uns bislang abgeschreckt hat, war die Tatsache, dass wir nur wenige Jahre, nachdem wir mit der Hausfinanzierung den größten Kredit unseres Lebens aufgenommen hatten, gleich den zweitgrößten hinterherschieben. Denn unsere Solaranlage soll eine vernünftige Dimension haben, die locker in der Preisregion eines Mittelklasse-Neuwagens spielt.

Seit vergangenem Jahr bietet nun unser Ökostromanbieter Naturstrom das sogenannte Sonnendach oder Sonnenduo an. Das Prinzip ist ganz einfach: Naturstrom schafft die Anlage an, kümmert sich um Installation, Betrieb und Instandhaltung und wir zahlen dafür einen monatlichen Pachbetrag und sind die Nutznießer der Erträge. Gewiefte Rechner werden uns nun entgegnen, dass wir mit diesem Modell mehr bezahlen, als wenn wir z.B. einen Finanzierung über die KfW-Bank anstreben würden. Aber die Gründe habe ich oben erläutert. Und dieser Service ist uns den Aufpreis wert. Schließlich erhalten wir ein rundum Wohlfühlpaket, in dem nicht nur die Installation, sondern auch Wartung, Versicherung, Reparaturen und unweigerlicher Austausch aufgebrauchter Komponenten enthalten sind.

Wir haben also in den Rechner auf der Naturstromseite unseren geschätzten jährlichen Stromverbrauch eingegeben. Wir haben eine hohe Summe angesetzt, da wir zukünftig alle drei energetischen Sektoren Energie, Mobilität und Wärme mit der Photovoltaik bedienen wollen. Herausgekommen ist ein monatlicher Beitrag, den wir in den kommenden 18 Jahren für diese drei Bereiche unseres Lebens zahlen werden. So lange läuft nämlich der Pachtvertrag bei Naturstrom. Danach kann die Anlage günstig übernommen werden.

In meiner Vorstellung werden sich zukünftig alle Gebäude mit Photovoltaik und einem Hausspeicher so versorgen, dass wir die konventionellen Kraftwerke von März bis Oktober abschalten können und nur noch in den Wintermonaten die Grundlast mit Windenergie und umweltverträglichen Kraftwerken bereitstellen. Daher ignorieren wir die größtmögliche Rendite ein weiteres Mal, indem wir auf ein komplettes Hauskraftwerk mit Solarzellen und Hausspeicher setzen. Denn nur so macht für mich die dezentrale Energieversorgung Sinn.

In den gängigen Expertenforen wird richtigerweise aus monetärer Sicht dazu geraten, mit dem Speicher noch zu warten, da hier weitere Preisnachlässe zu erwarten sind. Aber auch mit dem Komplettpaket werden wir in 20-25 Jahren ein Plus gegenüber dem Strombezug aus dem Netz schreiben. Die Amortisationszeit ist einfach nur ein paar Jahre länger. Unsere Intention ist es, am kürzesten Tag des Jahres bei ausreichender Energieerzeugung während des Tages die Nacht mit dem gespeicherten Strom zu überbrücken.

Wir haben also online unser Sonnendach beantragt und zur technischen Einschätzung Fotos von unserem Hausdach und der Gebäudeelektronik an Naturstrom geschickt. Nur einen Tag später kam schon das technische Go seitens des Energieversorgers mit einer Ertragsschätzung über 25 Jahre und mit dem Hinweis, dass wir auf eigene Kosten den Gebäudeanschluss erneuern müssen. Dieser ist aus dem Jahr 1983 und kann eine moderne Photovoltaikanlage nicht mehr versorgen.

Telefonisch und per E-Mail haben wir in den folgenden Tagen noch einige Fragen klären können, was zum Beispiel die über die Jahre sinkende Kapazität des Speichers, die Übernahmekosten der Anlage nach 18 Jahren oder die eingesetzte qualitativ hochwertige Technik angeht. Als alles zu unserer Zufriedenheit geklärt war, haben wir den Vertrag für 8,4 kWp Photovoltaik auf dem Dach und 9,6 kWh Speicher im Keller unterschrieben.

Nach erfolgreicher Bonitätsprüfung – wir sprechen immerhin von einer mittleren fünfstelligen Summe – warten wir nun auf die Kontaktaufnahme des Solateurs, der mit uns zusammen die Ausrichtung der Anlage planen und die Anträge ausfüllen wird.

Schon aus statischer Sicht möchte ich die Module über das komplette Pultdach verteilt haben. Da wir im sonnenärmeren Norden vermehrt auf diffuses Tageslicht bei verdecktem Himmel setzen müssen, ist eine anteilige Ost-West-Ausrichtung der Anlage sicherlich nicht verkehrt.  Denn unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Eigenverbrauch. Die Einspeisung der Überschussleistung hat nur nebensächlichen Charakter und mindert die monatliche Rate ein wenig. Wenn wir zukünftig neben den E-Autos auch eine Bauchwasserwärmepumpe bedienen, wird die Einspeisung eh noch weiter sinken.

Energetische Berechnungen sind nicht leicht anzustellen. Wir haben das Glück, dass nur wenige Kilometer entfernt ein Eigenstromerzeuger seine Ertragsdaten live im Netz veröffentlicht. Die Anlage ist ähnlich dimensioniert, wie wir planen. So konnten wir nachvollziehen, dass wir mit sinnvoller Nutzung der Energie einen sehr hohen Eigenverbrauchsanteil erzielen können.

Dazu aber mehr, wenn die Anlage steht. Nun heißt es warten auf den Solateur und hoffen, dass unser Dach für eine solche Anlage auch geeignet ist.

 

 

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